Zu Hause

Was macht eine Kirche attraktiv? Ist es das Gebäude, die theologisch korrekte Predigt, der qualitativ hochwertige Lobpreis, oder vielleicht doch die innovative Webseite? Meiner Erfahrung nach ist es etwas ganz anderes, was Menschen in eine Gemeinde zieht, und vor allem dort verweilen lässt. Lass mich dir erklären, was ich meine.

Hi, ich bin Grace, 23 Jahre, Studentin und seit einigen Jahren darf ich nun das Gospel Forum mein geistliches zu Hause nennen.

Zu Hause – denn das ist es, was Gemeinde schon immer für mich bedeutet hat. Familie. Nicht ein Gebäude, sondern ein Ort an dem ich Beziehung baue, Freunde finde. Menschen, mit denen ich nicht nur den Glauben, sondern Gedanken, Gefühle, Leben teile. Behalte das also im Hinterkopf, wenn ich dir von meiner letzten Erfahrung erzähle.

Anfang des Jahres bin ich im Rahmen meines Studiums für ungefähr fünf Monate nach Wales umgezogen. Da Gemeinde eine wichtige Rolle in meinem Leben spielt, habe ich mich hier nach einem temporären geistlichen zu Hause umgesehen. Ich hatte mich im Voraus über das Internet über diverse Gemeinden in der Stadt informiert und entschied mich, einfach bei ein paar vorbei zu schauen, bis ich mich „zu Hause“ fühlte.

Grace in Wales

Grace in Wales

Die erste Gemeinde, die ich besuchte, ist eine der größten in der Stadt. Sie haben ihr eigenes Gebäude, mehrere Gottesdienste jeden Sonntag und ein gutes Lobpreisteam. Am meinem ersten Sonntag dort kam ich auch in Kontakt mit der Leiterin der Studentenhauskirche welche mich zu den Treffen am Dienstagabend einlud.

Die zweite Gemeinde, die ich besuchte ist ein starker Kontrast zu dem, was ich im Gospel Forum gewöhnt war: sie besteht aus ungefähr 50 Mitgliedern und hatte zu dem Zeitpunkt noch kein eigenes Gebäude, sondern mietete eine alte Methodistenkirche für ein paar Stunden jeden Sonntag. Auch das Lobpreisteam war viel kleiner als in der anderen Gemeinde.

Rate mal, für welche Gemeinde ich mich letztendlich entschieden habe.

Anhand meiner Einleitung wirst du vermutlich schon geahnt haben, dass ich letztendlich in der kleinen Gemeinde gelandet bin. Das scheint zunächst vielleicht etwas ungewöhnlich, da ich doch vom Gospel Forum so einen Luxus an Größe, Leiterschaft, Predigten und Lobpreis gewöhnt bin. Versteh mich nicht falsch. All diese Dinge sind wundervoll und ich schätze sie so sehr. Doch auch das Gospel Forum wäre nicht mein geistliches zu Hause, wenn es nur diese Eigenschaften besäße.

Das was mich am Ende zu der zweiten Gemeinde gezogen hat, war wie sehr mich die Menschen willkommen geheißen haben. Gleich an meinem ersten Sonntag dort wurde ich von mehreren Menschen unabhängig voneinander freundlich angesprochen. Sie zeigten ehrliches Interesse an mir, ohne aufdringlich zu wirken. Die Studenten luden mich direkt nach dem Gottesdienst spontan ein, gemeinsam etwas essen zu gehen. Was mich aber noch mehr erstaunt hat, war, dass in der nächsten Woche die Menschen sich nicht nur an meinen Namen erinnerten, sondern auch nach Details aus meiner Woche fragten, von denen ich ihnen am letzten Sonntag erzählt hatte. Diese Art von Aufmerksamkeit und Interesse sind das, was für mich eine Gemeinde zu einem zu Hause machen. Wie ich am Anfang erwähnt habe ist es doch das was zählt: dass es dort Menschen gibt, denen du ehrlich von deiner Woche erzählen kannst und die an dich denken, mit dir beten, dich lieben.

„An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid.“ (Joh 13,35)

Leider muss ich sagen, dass das in der anderen Gemeinde nicht so war. Es liegt mir fern, eine Gemeinde in ein schlechtes Licht stellen zu wollen. Deshalb erwähne ich auch keine Namen. Aber Fakt ist, dass außer der Hauskirchenleiterin, mich dort kaum jemand angesprochen hat und ich zum Teil sogar komplett ignoriert wurde.

Was für mich aber noch viel schlimmer war, in dieser Gemeinde zu entdecken, ist etwas, dass mir sowohl in Gemeinden als auch im Alltag überhaupt nicht gefällt: wenn gelästert wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Gemeinde – und damit die Individuen die sie dazu machen – eins sein sollen (Joh 17,21; 1.Kor 1,10). Egal welcher Denomination man angehört oder welche Präferenzen man in unterschiedlichen Gottesdienst- oder Lobpreis-Stilen hat, – es ist so wichtig Brücken anstatt Mauern zu bauen. Lästerei über andere Gemeinden oder sogar über Menschen innerhalb der eigenen Gemeinde ist giftig und zerstörerisch und greift die Einheit der Braut an. Ich habe mich vor einigen Jahren entschlossen, dass ich so einer Gewohnheit und Kultur mit aller Macht widerstehen will. Von daher ist das auch etwas, was eine Gemeinde für mich sehr viel weniger attraktiv macht.

Jetzt bin ich schon fast wieder auf dem Weg nach Hause nach Stuttgart. Und ich muss ehrlich sagen, dass auch wenn ich so unglaublich dankbar für das „zu Hause weg von zu Hause“ hier in Wales bin, freue ich mich auch wirklich auf das Gospel Forum. Denn so wie man im Englischen sagt: „There’s nothing quite like home.“

Zum Abschluss meines Erfahrungsberichtes möchte ich dich noch gerne ermutigen, drei Dinge zu tun:

  1. Lass Lästerei in deinem Umfeld keinen Raum. Egal ob es in der Schule, Uni, am Arbeitsplatz oder (und sogar vor allem) in deiner Gemeinde ist; ersticke es im Keim, damit es nicht die Atmosphäre eines sicheren zu Hauses zerstören kann. Manchmal fängt es damit an, dass wir selbst unsere Gewohnheiten brechen. Sprich Worte, die aufbauen, ermutigen, Leben bringen!
  2. Kultiviere eine Willkommenskultur. Pastor Peter hat letztens eine großartige Predigtserie zu diesem Thema gehalten. Sei du persönlich ein Willkommensheißer, der Menschen wahrnimmt, annimmt und mitnimmt. Vielleicht bist ja nächsten Sonntag du diese entscheidende Person, die ein ehrliches Interesse an jemandem zeigt, der wie ich vor ein paar Monaten, auf der Suche nach einem geistlichen zu Hause ist.
  3. Werde Teil der Familie. Wenn du dir noch nicht ganz sicher bist, wo dein zu Hause ist, dann möchte ich dich dazu ermutigen, auf Menschen zuzugehen. Es ist mir sehr bewusst, dass vielleicht noch nicht jede Gemeinde diese Art von Willkommenskultur entwickelt hat. Wir sind alle am lernen. Aber wenn du etwas Aufwand betreibst und tatsächlich ein paar der Mitglieder kennenlernst, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass du auch Freunde findest. Geh doch mal in die Hauskirche, das Gebetstreffen oder schnupper mal in eins der unterschiedlichen Mitarbeiterteams rein. Nichts davon muss gleich verbindlich sein. Aber es gibt dir die Möglichkeit, Menschen näher und außerhalb des Sonntag-Gottesdienstes kennen zu lernen. Denn nur so kommst du an den Punkt, wo du nicht nur den Glauben mit ihnen teilst, sondern auch einen Teil deines Lebens.

Portrait Grace Reinhardt - Artikel "Zu Hause"Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du dein geistliches zu Hause findest. Wenn du es schon gefunden hast, dann hoffe ich, dass du es nicht für selbstverständlich nimmst, sondern schätzt – denn es ist ein riesen Geschenk!

Grace Reinhardt

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